olaterrible / Das Blogzine für Eltern und Menschen

Baby, Gesellschaft

Familienplanung 3.0 – Oder was ist diese Vereinbarkeit?

März 7th, 2015

Die Gespräche rund um meinen Alltag als Mutter haben sich seit Dezember verändert. Nun will niemand mehr etwas über Geburt wissen oder wie ein Baby das Leben verändert oder ob ich noch Sex habe und wie oft und seit wann. Jetzt wollen alle über diese „Vereinbarkeit“ reden, denn seit Dezember gehe ich wieder arbeiten. Seit meine Tochter acht Monate alt ist. Das war nicht geplant und kam für meine kleine Familie eher überraschend. Aber noch überraschter waren (fast) alle anderen.

Das Wort, das ich vielleicht am meisten in diesem Zusammenhang gehört habe, ist „progressiv“ – das ist das Label, das seit Neuestem an meiner Stirn klebt. Progressiv. Ha, von mir könnt ihr also noch was lernen.

Was für ein Quatsch! Ich bin nicht fortschrittlicher als jede andere Mutter. Wie die meisten, hatte ich nicht wirklich eine Wahl. Unter Druck gesetzt von den negativen Erfahrungen bei meinem früheren Arbeitgeber in Bezug auf meine Schwangerschaft, hatte ich Angst, dass meine Vermittelbarkeit durch ein Kind nicht gerade verbessert wird. Also ergriff ich die Gelegenheit als sie da war. Keine Romantik. Kein Heldentum.

Die Kleine ist jetzt mit ihrem Papa zusammen, der seinen Job kurzfristig an den Nagel hing und bis zum Kita-Eintritt Vollzeit-Vater sein darf.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf damit ein gelungenes Experiment? Von wegen.

Ich glaube einfach nicht an diese pauschale Idee der Vereinbarkeit. Weder an ihre Möglichkeit noch an ihre Unmöglichkeit. Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist relativ und so individuell wie Familien selbst.

Wie die Verteilung aussieht, hängt von Eltern und Kindern ab und hat nichts mit den Szenarien aus den Medien zu tun, die täglich und hitzig in zugehörigen Kommentarfeldern diskutiert werden. Familien einzureden, dass ihre Kinder leiden, wenn sie arbeiten, ist genauso unfair wie Eltern einzureden, dass sie nur dann „progressiv“ sind, wenn sie nicht zu lange zuhause bleiben.

Arbeiten zu gehen – außerhalb von Zuhause, wohlgemerkt – bedeutet, sein Kind in dieser Zeit nicht zu sehen, vielleicht auch große Momente, wie das erste Wort oder den ersten Schritt, zu verpassen. Es bedeutet aber auch (zumindest für mich), einen abwechslungsreicheren Alltag zu haben und sich in der wenigen gemeinsamen Zeit sehr viel intensiver auf das Kind einzulassen. Doch meistens stellt sich gar nicht die Frage, was man vorzieht – Lebensumstände entscheiden für einen.

So etwa bei einer alleinerziehenden Freundin, deren Kind sehr früh ganztags in der Kita betreut werden musste. Sie studierte und jobbte. Ihre Meinung zur Vereinbarkeit? Könnt ihr euch sicher denken.
Oder eine andere Freundin, die nach einem Jahr zurück in den Job muss, obwohl sie nicht will. Da aber das Unternehmen gerade fleißig Personal ausdünnt, traut sie sich gar nicht, um Aufschub zu bitten.
Eine Studienbekannte promovierte, als bei ihrem Kind eine schwere Behinderung diagnostiziert wurde. Wo ist ihre glänzende Karriere jetzt? Genau…

Es gibt auch positive Beispiele wie die Gründerin von Glowbus und Fotografin Katja Hentschel, die alleinerziehend mit Baby kaum an Produktivität eingebüßt hat. Oder Nike von Thisisjanewayne. Selbstständige Frauen, die Karriere und Kind unter einen Hut bringen. Natürlich auch, weil sie sich ihre Arbeit selbst einteilen und sich nicht an vertraglich festgelegte Bürozeiten halten müssen. Aber auch, weil sie tolle Jobs haben, die sie inhaltlich selbst gestalten.

Gilt das Ideal der totalen Vereinbarkeit nur für wenige Auserwählte, die sie sich leisten können? Vielleicht ist das zu spitz formuliert. Aber Vereinbarkeit ist zumindest nicht für alle gleich einfach herzustellen. Eine 50/50-Verteilung ist selten möglich. Für die meisten Familien bedeutet immer noch, sich für etwas zu entscheiden, dass man sich gleichzeitig auch gegen etwas entscheidet. Also versuchen wir die Waage zu halten und dabei das Kind zu schaukeln. So gut wie es eben geht.

Foto: jamesgoodmanphotography / Foter / CC BY-NC-ND

Related Posts

One thought on “Familienplanung 3.0 – Oder was ist diese Vereinbarkeit?

  • Reply andreasclevert 9. März 2015 at 16:27

    Da ich die ganze Sache eher mit Humor nehme – hat auch was Therapeutisches – nur den genderspezifischen Hinweis, dass Ihr Mädels uns Jungs da in Sachen vereinbarkeitstauglichem Multitasking was voraus habt….ausführlich in meinem Stil: http://wp.me/p4WCtx-4A.
    Ach. Und dem Papa viel Spass!


  • Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


    Theme by Medium & Message.