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Baby

a beginner’s guide to parental bitching

Oktober 17th, 2014

Meine Tochter ist inzwischen ein halbes Jahr alt, hat acht Zähne und wischt mit ihren Stramplern brav den Boden. Manchmal entwickelt sie Gelüste auf Stromkabeln herumzukauen und das Buch, das ich gerade lese, vermisst seine Ecken und Kanten. (Pappe kommt by the way im Originalzustand wieder heraus, nur falls ihr mal was wiederherstellen müsst, was euer Kind aufgegessen hat.)

Seit etwa einer Woche arbeite ich an einer Methode, die Streuung des Pastinaken-Breis auf einen Radius von 5 Metern zu minimieren. Und an der Methode, meine hochtrabenden Hoffnungen endlich dorthin zu schicken, wo sie hingehören, denn bis ich irgendeine Optimierung realisiert habe, isst meine Tochter Steak mit Messer und Gabel. (Übrigens haben wir uns Steak-Messer zugelegt, was das Steak-Essen echt krass optimiert hat, das Breiproblem aber nicht tangiert, nur so by the way.)

Und bei alledem bilde ich mir ein, eine gute Mutter zu sein. Aber Anerkennung gibt’s selten, am allerwenigsten von meinesgleichen. Bei ihrem letzten Besuch erzählte meine Hebamme von einem Vorfall, den eine andere von ihr betreute Frau erlebt hat und begann mit den Worten: „Es ist schon heftig, wie sich Mütter anbitchen!“ (pardon her french.) Das tun sie, ja. Mütter, gebt Acht, die Schlimmsten sind die anderen Mütter!

Die Geschichte ging so: Eine junge Polin ist bei Facebook in einer Gruppe für junge Polen in Berlin. Darin fragte eine Schwangere, die Zwillinge erwartet, ob jemand Erfahrungen mit Folgemilch habe, da sie Angst habe, sie würde vielleicht nicht genug Milch für zwei Babys produzieren. Die junge Polin antwortete ihr, sie brauche sich keine Sorgen machen, ihr Körper wird sicher zwei Kleine versorgen können, wenn er zwei Kleine erschaffen und ausgetragen hat. Es war lieb formuliert und als Beruhigung gedacht. Wenige Stunden später platzte ihr Postfach. Zahlreiche Frauen beschimpften sie in den Kommentaren. Der Grund: Offenbar halte sie sich wohl für was Besseres, weil sie ihr Kind mit ihren Titten ernährt, sie hochnäsige Gans. Stillen ist also ein heißes Thema… Huch.

Bei vielen Müttern kann man die Theorie der Projektion eindrucksvoll in der Praxis erleben. Die eigenen Ängste und Unsicherheiten werden auf andere übertragen und mit beeindruckender Erbarmungslosigkeit abgeurteilt.

Beliebte Themen des parental bitching? Eine kleine Auswahl in meinem

beginner’s guide to parental bitching

1. Kinderwagen. Sie sind scheißteuer und ein klares Statussymbol. Gerade sehr beliebt sind Bugaboos, erhältlich für schlappe 1000 Euro. Hippe Eltern schieben diese kniehohe Kakerlake voller Stolz durch die Gegend. Erinnert sie höflich daran, dass das Ding bei ÖkoTest miserabel abgeschnitten hat, weil der Wagen schadstoffbelastet ist und noch in der Testphase auseinander fiel.

2. Tragetücher/ -hilfen. Tragen ist in. Aber ist es auch gesund? Macht es Babys Rücken krumm? Schädigt es die Hüfte? Ist der Mensch wirklich ein Tragling? Stammen wir vom Affen ab? Jesus…

3. Baby-Ernährung. Nicht nur Stillen oder Nicht-Stillen ist ein Ding. Wie lange stillen auch. Außerdem: Ab wann gibt man Brei? Gibt man Brei oder Sticks? Geschmorrt oder gedünstet? Stopft die Möhre? Folgemilch = Rabenmutter. Keine Folgemilch = Rabenmutter. Und Fenchel verursacht Krebs.

4. Kindergarten/Kinderladen/Krippe/Tagespflege. Ugh. Hartes Pflaster. Hier reicht schon das Stichwort.

5. Impfungen. s. viertens.

6. Medikamente. Schon in der Schwangerschaft darf man gerne zulangen. Folsäure, Jod, Eisen, Omega-3 für extraschlaue Juliuse und Charlottes. Nach der Geburt darf dann Baby weitermachen. Vitamine K und D, Fluortabletten, Anti-Koliken-Zeugs, Anti-Pups-Zeugs, Anti-Zahnungs-Zeugs. Wer nimmt was?

7. Kindergarten again. Wenn man den Sturm nach der ersten Erwähnung überlebt hat, kann man ja noch einmal in die Tiefe gehen. Bilingual oder Medienkompetenzvermittlung? Inklusiv oder Montessori? Waldorf oder musikalische Frühentwicklung? Naturwissenschaften oder wir-ham-hier-sowatt-nisch-wir-sind-ne-janz-nommale-kita? Viel Spaß…

Beispiele lassen sich noch weiter führen, aber mein Punkt ist hoffentlich klar: Woher diese Unsicherheit und Intoleranz gegenüber anderen Erziehungsmethoden? Woher die Verachtung der anderen Mütter? Holen wir die Mutterschaft mal runter von ihrem Podest und unsere Hintern gleich mit: Es gibt kein Siegertreppchen für die beste Mutter der Stadt. Am Ende sind es nur mein Kind und ich, von Angesicht zu Angesicht. Und da wird sich zeigen, wie gut ich es gemeistert habe. (Oh, und wir versuchen in diese tolle bilinguale Kita zu kommen, deshalb der internationale Ton, Bitches!)

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3 thoughts on “a beginner’s guide to parental bitching

  • Reply Anna 9. März 2015 at 11:30

    Klasse Beitrag – danke dass Du mich über facebbok drauf aufmerksam gemach hast! Ich kann nur sagen: Recht hast Du!!!

    • Reply ôla terrible 9. März 2015 at 11:32

      Vielen Dank 🙂

      • Reply Thomas Herfen 26. Juni 2016 at 23:26

        Schade, dass meine bilinguale schon so lang im Voraus ausgebucht ist. Als Papa und Erzieher, Dank für diesen schönen Text.


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