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Gesellschaft

And this is the world we live in?

August 30th, 2014

Vor meiner Haustür spielt sich Unfassbares ab: Die Straße ist seit Dienstag gesperrt, Tag und Nacht patrouillieren an den Absperrgittern Polizisten, mehrere Mannschaftswagen säumen den Weg. Schräg gegenüber von mir liegt nämlich das Georghof-Hostel, ein heruntergekommenes Stück 90-er-Jahre-Scheiße. In diesem Gebäude waren Flüchtlinge untergebracht. Am Dienstag haben sich acht von ihnen auf dem Dach verschanzt, weil sie am Montag(!) erfahren haben, dass sie Berlin nun verlassen sollen. Wohin? Ins Bundesland, aus dem sie nach Berlin kamen, Hauptsache weg.

Ich kann nur noch mit Ausweis zu meiner Wohnung gelangen und abends vom Balkon sehe ich die Männer auf dem Dach. Einer schwingt ein kleines deutsches Fähnchen.

Wir sind selbst als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen und ausgewiesen worden. Der Weg zurück ist ein schmerzhafter und furchteinflößender, denn im Zurück ist meist nichts mehr. Meine Geschichte ist aber Zuckerwasser gegen das, was diese Menschen durchgemacht haben und noch durchmachen werden.

Den Kinderwagen vor mich hinschiebend gehe ich mit schlechtem Gewissen an den Polizisten vorbei. Weil mein Leben trotzdem weitergeht und sich um Banales dreht, während andere ihre Existenzen verlieren. Ich frage nach einiger Überwindung eine Polizistin, ob den Männern wenigstens etwas zu essen und Wasser gegeben würden. „Ja, ja. Allet jut“, antwortet sie und lächelt beschwichtigend ob meiner Naivität. Natürlich nicht, denke ich mir und lese heute, dass ich recht habe.

„Das ist unmenschlich“, sage ich einem Freund und er entgegnet, dass es nicht der Polizisten Job sei, menschlich zu sein, sondern, die Leute vom Dach zu holen. Würden sie dort ernährt, kämen sie ja nie herunter. Er sagt das nicht in Verteidigung der Polizei. Er sagt es, weil es die Realität ist.

Doch der Zynismus geht noch krasser. Gestern pöbelt ein Berliner zunächst die Linken an, die vor den Absperrungen ausharren und keine Hundert Stimmen stark „No border, no nation, stop deportation!“ skandieren, und beschwert sich dann bei der Polizei, dass man dieses Pack doch endlich herunter holen solle, er wohne hier schließlich und müsse sich seit Tagen diese Farce mit der Absperrung antun. Außerdem hätten die Scheißpunks die S-Bahn lahmgelegt… Alles auf die Kosten der Bürger.

In einem großen Schwall möchte ich mich übergeben, weil jemand tatsächlich meint, das Recht zu haben, seine Situation zu beklagen – in direktem Vergleich zu den Menschen, die um nichts Geringeres als ihre Existenz kämpfen. Lest euch nur die Kommentare zu den Berliner Ereignissen durch, etwa:

„Polizei und Politik haben sich nun wirklich lange genug von diesen Asylerpressern zum Narren halten lassen (müssen), es ist richtig, dass jetzt Schluss damit ist und die Leute gezwungen werden, ihr illegales Verhalten zu beenden. Diakonie und Caritas haben hier nichts mehr zu melden, sie waren bisher mehr Teil des Problems als einer Lösung.“ (Berliner Zeitung)

oder:

„Ich habe KEIN Verständnis mehr für DIESE Flüchtlinge. Ich hoffe das jedes Bundesland den Asylantrag am Ende negativ bescheiden wird und Diese Flüchtlinge unser Land verlassen müssen.Dürfte ja nicht so schwer sein,sind diese doch namentlich bekannt. Willkommen sind dagegen die Flüchtlinge die unsere Hilfe wirklich benötigen!“ (Der Tagesspiegel)

Es würde mich wundern, wenn euch da nicht auch übel würde. Vielleicht aber auch nicht, denn meine Einstellung erweist sich von Tag zu Tag immer mehr als naiver jugendlicher Idealismus…

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